Soweit ich sehen kann, läßt sich das schon am grundlegenden Geschäftsmodell entscheiden. Folgende Elemente sind dabei Zeichen einer unseriösen und betrügerischen Geschäftspraxis:
Weitergabe von Provisionen: solange eine Führungskraft von einem ihr direkt unterstellten Verkäufer einen Provisionsanteil erhält, ist das korrekt. Sobald Provisionsanteile über zwei oder mehr Ebenen weitergereicht werden, ist das ein unseriöses Pyramidenspiel. Das kann man am besten mit einem Beispiel verdeutlichen: ich unterrichte seit vielen Jahren, und die ich ausgebildet habe unterrichten heute oft selbst. In einem Multi Level Marketing System müßte ich nicht nur einen Anteil am späteren Gehalt meiner Auszubildenden fordern, sondern auch noch am Gehalt derer, die diese wieder ausgebildet haben - bis in alle Ewigkeit!
Konspirative Verhaltensmuster: Seriöse Unternehmen sind offen und transparent, und die Offenlegung und Berichterstattung Dritten gegenüber wird immer weiter ausgebaut, und das nicht nur im Rechnungswesen. Je weniger ein Unternehmen also offen ist, und je mehr es versucht, seine Mitarbeiter gegen die Umwelt und ihre möglicherweise kritischen Einflüsterungen abzuschotten, desto mehr liegt ein unseriöses und sektenhaftes Vertriebssystem vor.
Trennung von Privat- und Arbeitsleben: Je mehr ein Vertriebssystem versucht, in das Privatleben der Mitarbeiter einzudringen, desto unseriöser ist es. Seriöse Firmen machen zwar auch mal Überstunden und eine gelegentliche Feier, lassen den Mitarbeitern aber ansonsten ungestörte Freizeit.
Trennung von Kunden und Mitarbeitern: Marketingmodelle, die die Mitarbeiter mit dem Absatzmarkt verwechseln, sind immer unseriös. Leider passiert das in der Regel verdeckt, ist aber gut an "Erfolgsstories" (sogenannten Testimonials) zu erkennen, die mit Sätzen wie "nachdem ich das Produkt X selbst nutzte..." zu erkennen.
Lügen und Übertreibungen: Waschmittel so frei von Gift, daß man sie essen könnte, oder Zinserträge drei mal so hoch wie am Kapitalmarkt, sind wenn nicht schon strafrechtlich als Betrug zu werten doch auf jeden Fall ein sicheres Zeichen einer unseriösen Geschäftspraxis.
Kurzlebigkeit: Existiert ein Unternehmen erst kurze Zeit, dann ist das ein Grund zum Zweifel; ein eingeführter Name ist aber nicht immer ein Qualitätssiegel.
Schlechtes Infomaterial: Druckfehler und mangelhafte Druckqualität von Informationsmaterial oder gar alles nur in Englisch sind ein Zeichen, daß schon damit zu wenig Aufwand getrieben wird. Steckt dann was Ernstzunehmendes dahinter?
Und sicher fällt es dem Leser nicht schwer, diese Liste noch um ein paar Positionen zu ergänzen...
Auch ein ganz anderer Ansatz könnte hilfreich sein: seit Jahren sind die meisten Märkte nämlich gesättigt, d.h., das Angebot ist eigentlich größer als die Nachfrage - jedenfalls im Bereich der Konsumgüter. Es wird daher immer schwieriger, auf "traditionelle" Art noch ein Wachmittel oder noch eine Versicherung in den Markt einzuführen. Also muß man sich alternativer Verkaufstechniken bedienen.
Hier füllt das Multi Level Marketing die Lücke, denn auf diese Art ist es plötzlich möglich geworden, Leute innerhalb der Familien zu erreichen, die zuvor dem Marketing nicht zugänglich geworden wären. Das Multi Level Marketing bedient also ein spezielles Marktsegment, was auch die Indifferenz des traditionellen Handels erklärt, der sich davon nur wenig gestört zeigt - kein Wunder, würde er die von den Networkern erreichten Kundenschichten selbst in der Regel nag rnicht erreichen, verliert durch deren Aktivitäten also kaum etwas.
Doch hier liegt auch der Keim zum Betrug, denn was im Wohnzimmer verkauft wird, profitiert vom Alleinstellungseffekt. Der Käufer kann im Moment der Entscheidung das Produkt nicht mit Konkurrenzprodukten vergleichen, es scheint alleine zu stehen. Und was das bedeutet, haben nicht nur die MLM-Werber, sondern auch die Verkäufer von Lamadecken und die Anbieter von Kaffeefahrten erkannt.
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